Stolpersteine und Erinnerungskultur in Büdingen

Joachim Cott am 9. November 2018 an der Gedenkveranstaltung im Heuson-Museum

Erinnerung ist eine Grundlage menschlicher Existenz, sie hat viele Facetten und Formen. In den 80 Jahren seit dem Tag des Judenpogroms von 1938 schuf man in Deutschland eine  Vielzahl ganz unterschiedlicher Elemente der Erinnerung. Literarisch, in der Musik, beim Theater, in Gemälden.

Einen wesentlichen Beitrag zur Büdinger Erinnerungskultur  leistete Will Luh mit seinem Buch zur Geschichte und Kultur der Juden in Büdingen. Auf ihn und seine Forschung zur jüdischen Gemeeinde gehen die bisherigen Verlegungen von Stolpersteinen zurück.

2018 ist der 10. Jahrestag der ersten Verlegung von Stolpersteinen in unserer Stadt. Insgesamt wurden 51 Stolpersteine, auch in den Ortsteilen, verlegt.

Diese Stolpersteine und acht Zeitzeugenbesuche ehemaliger KZ-Insassen sind zu nachhaltigen Zeichen der intensiven Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte und der Verbeugung vor den Opfern geworden. Eine Erinnerungstradition wurde aufgebaut, die in Büdingen große Wirkung erzielt hat. Vor allem Jugendliche wurden angesprochen, die durch die Gespräche mit den Zeitzeugen völlig neue Blickwinkel in die Geschichte bekamen.

Während Besuche von Überlebenden deutscher Konzentrationslager vielleicht nur kurz erlebbar waren und wirkten, haben Stolpersteine eine andere Funktion. Sie erinnern und schreiben ein Stück Geschichte in der Zukunft. Sie sind Zeichen, die wir für morgen setzen.

In 25 Jahren verlegte Gunther Demnig, der Initiator der Idee, in 22 Ländern ca. 70 000 Steine. Das Projekt Stolpersteine ist für mich ein nachhaltiges und zugleich wachsendes Denkmal. Erinnerung an eine ganze Gemeinde, an 149 Menschen. Alle sind unserer Erinnerung wert. Erst wenn jeder Namen geschrieben ist, ist die Gesamterinnerung komplett, sind die vergessenen Toten wieder sichtbarer Teil von Büdingen geworden.

Jeder Stein ist ein Mahnmal für sich, für uns. Gerade in einer Stadt wie Büdingen darf das Vergessen der Geschichte  nicht einreißen. Mit Stolpersteinen wird Geschichte, Geschichte vor Ort, geschaffen. Sie wird nicht willkürlich konstruiert, sondern mit diesem Pfad der Erinnerung an die Opfer wird ein heutiges Geschichtsbewusstsein in eine Aussage und ein Bekenntnis zu den Opfern gebracht.

Es entsteht ein Projekt historischer Nachhaltigkeit. Das Bekenntnis einer Stadt zu ihrer Geschichte, ein Stück unvergesslicher Erinnerung. Es werden Tore in die Geschichte geschaffen. Manches aus der Geschichte darf nie aus der Erinnerung verschwinden, muss festgehalten werden, soll weitergeschrieben werden.

Erinnerungskultur ist keine passive Angelegenheit. Erinnern ist eine aktive Tätigkeit. Mit den Stolpersteinen holt Büdingen sich ein Stück seiner Geschichte zurück.

Die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung in Bezug auf Fremdenhass hat Juden wieder als Feindbild ins Visier genommen. Friedhöfe werden geschändet, es gibt Angriffe auf jüdische Bürger, der gnadenlose Antisemitismus rechter oder rechtspopulistischer Parteien und Gruppierungen wird schärfer. In Teilen der Bevölkerung wird ein Denken wieder gesellschaftsfähig, das jedem demokratischen Verständnis widerspricht.

Wenn die letzten Überlebenden der deutschen Vernichtungslager gestorben sein werden, werden die Leugner des Völkermords an den Juden noch stärker agitieren. Die Bedeutung der Stolpersteine wird zunehmen. Sie verkörpern die Darstellung der Geschichte im öffentlichen Raum.

Mit den Stolpersteinen entsteht im Endeffekt ein Siedlungsmuster jüdischen Lebens in Büdingen. Einerseits ein Rückblick, wo dieses Leben einst existierte, andererseits löst es in seiner Gesamtheit eine Vielzahl von Fragen nach Ursachen und Folgen aus. Wer waren diese Menschen? Wie gelang ihnen die Flucht? Überlebten sie den Holocaust? Gab es für die Überlebenden ein Leben nach Auschwitz?  

Wie viele Stolpersteine sollten verlegt sein, damit man überhaupt von einem Element der Erinnerungskultur sprechen kann? Warum reichen die bislang verlegten 51 Steine nicht?  

Für meine Auffassung von historischer Genauigkeit und dem Erinnerungsanspruch des Einzelnen gibt es ein klares Ziel. Und das heißt: Erst wenn für jeden ein Stein gesetzt worden ist, ist der Prozess historischer Vollständigkeit abgeschlossen. Erst wenn jeder der 149 jüdischen Bürger mit seinem Stein genannt worden ist, ist das Kapitel der Stolpersteinverlegung in Büdingen vollendet.

Stolpersteine sind zum einen Zeugnisse derjenigen, die einst hier lebten. Zum anderen Erinnerungen für die Zukunft, die noch in vielen Jahren diesen besonderen Aspekt unserer Lokalgeschichte sichtbar machen werden. Damit schreiben die Steine die Geschichte der Stadt weiter, erweitern sie, vergrößern ihren historischen Gehalt. Geschichte wird hervorgeholt aus dem Unbekannten, sie wird aktiviert und ins Bewusstsein gehoben. Stolpersteine sind ein Ansatz zur Rekonstruktion von Geschichte.

Warum sollen wir uns eigentlich erinnern? Es gibt eine gesellschaftliche Pflicht zur Erinnerung aufgrund der Einmaligkeit des Holocaust, und die Sensibilität wach zu halten gegen die großen Vereinfacher, die vor allem vergessen wollen. Doch genau hier liegt die Aufgabe der kommenden Jahre für die Gesellschaft: Gegen das Vergessen anzugehen und die rechten Holocaustleugner mit den Argumenten historischer Erkenntnis zu widerlegen. So können die Stolpersteine von den Schulen als Ausgangspunkte für die Spurensuche  nach ehemaligem jüdischem Leben in Büdingen genutzt werden.  

Die Stiftung – Spuren – Gunter Demnig ruft für das Schuljahr 2018/2019 einen STOLPERSTEINE-Wettbewerb für Schulen aus. Da STOLPERSTEINE für alle Verfolgten der Nationalsozialisten verlegt werden, gelingt es oft, über das biografische Forschen verloren gegangene Aspekte der spezifischen Verfolgungsgeschichte im lokalhistorischen Kontext freizulegen. Die Schüler sollen Recherchen zu lokal Verfolgten durchführen und alle Aktivitäten sollten in einer umfassenden Dokumentation zusammengetragen werden. Die Stadt wird damit als außerschulischer Lernort genutzt, um davon ausgehend größere geschichtliche Zusammenhänge besser fassen und beurteilen zu können.

Mit diesen Lernprozessen, die im eigenen Lebensumfeld der Schüler geschehen, lässt sich auch wesentlich intensiver die lokale Geschichte fassen und einordnen, vielleicht verstehen.

Die Pflicht zur Erinnerung gilt für uns alle. Es ist eine permanente Aufgabe. Immer auch ein Stachel gegen Antisemitismus und Rassismus. 'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist', so steht es im Talmud.